#118 Jonathan Leistner (2026)

Jonathan Leistner

3 Gedanken zu „#118 Jonathan Leistner (2026)

  1. Hallo Klausa und Jonathan,

    heute muss ich doch mal wieder was schreiben zu dieser sehr interessanten Folge.
    Zuallererst will ich mal sagen, dass die Kinder, die in Jonathans Relistunde sitzen, sich wirklich glücklich schätzen dürfen, einen so reflektierten Lehrer zu haben, der zwischen und hinter die Dinge sehen kann und auch die Kinder dazu ermutigt!

    An manchen Stellen hatte ich allerdings trotzdem immer mal Bauchweh … Als eine, die viel auch mit Menschen arbeitet, die schon in frühester Kindheit mit einer bestimmten Form von Religion / Konfession geprägt wurden (wie ich selber auch), sehe ich Religionsunterricht mittlerweile doch kritisch. „Verkündigungsauftrag“ hört sich für mich auch deshalb schlimm an, weil hier Kinder davon abhängig sind, was ihre ELTERN glauben. Das heißt, ein Kind sitzt in evangelischem oder katholischem oder überhaupt christlichem Religionsunterricht, weil die Eltern evangelisch, katholisch oder christlich sind. Das wäre so, als würden Kinder im Sportunterricht nach den jeweiligen Hobbys ihrer Eltern aufgeteilt, also die Fußballvaterkinder im Fußballunterricht, die Tennismutterkinder im Tennisunterricht und die Kinder der Unsportlichen haben ….?

    Ein Vorteil, den ich dennoch sehe, wäre, dass Kinder aus sehr fundamentalistischen Elternhäusern in einem Reliunterricht, wie ihn Jonathan gestaltet, zumindest die Chance hätten, etwas mehr Weite mitzubekommen – wenn sie nicht diejenigen sind, die dann eben sagen: „Aber da steht doch …“

    Danke, Klausa, für deine Sicht auf die Abrahamsgeschichte!!! Die finde ich für Kinder wirklich entweder überfordernd oder manipulativ und selektiv eingesetzt. Da müsste auf alle Fälle (wenn wir schon von Schule und Bildung sprechen) die wissenschaftliche Seite mit rein und die Frage: „Denkt ihr denn, dass Gott das wirklich so gesagt hat?“ oder „Wie denkt ihr denn, hat Abraham die Stimme Gottes gehört?“ „Wer hat das eigentlich aufgeschrieben?“ und „Wieviel Kriege und schreckliche Taten gibt es denn auch heute noch, die Menschen begehen, weil sie es für Gottes Willen halten?“ und das würde Erstklässler sicher überfordern.

    Eigentlich ist das, worüber ihr in weiten Teilen sprecht, viel mehr Philosophie. Auch Philosophie beschäftigt sich mit dem Sinn des Lebens, dem woher und wohin, ohne fertige Antworten zu geben. Ethik würde sich dann mit der Moral beschäftigen (Was du nicht willst, was man dir tu…) und Psychologie würde erklären, warum jemand von sich sagt: „Ich hab immer schon nach dem Motto gelebt, irgendwie wird’s schon…“. Denn wo der Religiöse das als Gottvertrauen deutet, würde der Psychologe vielleicht vermuten, dass derjenige in seiner frühen Kindheit einige sehr stabile und sichere Bindungserfahrungen gemacht hat, die ihm für sein ganzes Leben Selbstvertrauen und Zuversicht mitgegeben haben.
    Deshalb würde ich eher für ein Fach Ethik – Philosophie – Psychologie schon in der Grundschule plädieren. Das macht mit Sicherheit keine schlechteren Menschen als aus religiösen Kindern. Auch in der Philosophie kann man die Gott – Frage besprechen, sie aber vielleicht tatsächlich viel unvoreingenommener und weiter definieren.

    Jedenfalls ein sehr interessantes Thema, auch wenn ich Kinder auf keinen Fall nach den religiösen Vorlieben der Eltern aufteilen würde. Wenn aber, dann auf alle Fälle mit solchen Lehrern wie Jonathan. 🙂

    Liebe Grüße,
    Claudia

  2. Liebe Claudia,

    vielen Dank für deinen Kommentar! Alles nachvollziehbare, gute und wichtige Ergänzungen! Wenn ich es richtig verstanden habe, bezieht sich dein Bauchweh vor allem auf die allgemeine Tatsache, dass es immer noch konfessionellen Religionsunterricht gibt, der einen Verkündigungsauftrag propagiert. Ich merke, dass ich hier einerseits unbedingt zustimmen möchte und andererseits selber damit ringe. Würde ich als Religionslehrer nicht auch meinen Standpunkt vermitteln wollen? Und wäre das legitim oder müsste ich ihn außen vor lassen? Es steckt dann ja schon auch eine Überzeugung in mir – Schlüsse, zu denen ich im Laufe der Jahre gekommen bin, die man selber als gut und plausibel empfindet – die ich dann eben gerne auch teilen möchte. Diese Überzeugung beinhaltet per se bereits, dass ich mein Gegenüber in erster Linie dazu ermutigen möchte, sich auf seinen eigenen Weg zu machen und seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Ich denke, in diesem Sinne könnte man Religionsunterricht eben auch als Lerngemeinschaft sehen, die genug Freiraum bietet ohne endgültige Wahrheiten vermitteln zu wollen und damit in der Gefahr steht, zu manipulieren. Aber da sind wir uns – also ich denke auch inkl. Jonathan – eh einig.

    Liebe Grüße,
    Klausa

    1. Hallo Klausa,

      ja, genau, mein Bauchweh galt dem strukturellen religiösen Angebot des staatlichen Bildungssystems und der Tatsache, dass hier Kinder danach aufgeteilt und unterrichtet werden, was deren ELTERN glauben. Wie ihr ja auch im Gespräch schon festgestellt habt, ist Religion leider oft trennend – eben auch schon in der Grundschule. Oder wie erklärt man das dem sechsjährigen Max, dass sein Freund Leon in einem Fach woanders hingeht und was anderes lernt, vielleicht am Ende sogar die Überzeugung, dass das dann richtiger, wahrer ist?

      Dass man als Religionslehrer seinen persönlichen Standpunkt übermitteln möchte – oder übermitteln dürfen will – kann ich nachvollziehen, aber eben das sehe ich kritisch. Religiöse Standpunkte kann ein Pfarrer in der Kirche vermitteln, aber hier werden ja Kinder von staatlichen Institutionen einer Autorität zugeteilt, von der sie auch noch aufgrund der Notengebung abhängig sind. Ich weiß nicht, ob ich das richtig ausdrücken kann, das System bietet einfach in meinen Augen zu viel Raum für potenziell manipulative Inhalte. Es machen ja nicht alle Relilehrer so einen einfühlsamen Unterricht wie Jonathan. Aber klar, gäbe es ein Fach „Politische Bildung“, könnte ein Lehrer auch seine eigene politische Überzeugung oder Parteizugehörigkeit in den Unterricht mehr oder weniger stark einfließen lassen.

      Aber das sind strukturelle Fragen, und da das alles sicher noch eine Weile so sein wird, wie es ist, denke ich: wenn schon ein solcher – getrennter – Religionsunterricht, dann bei solchen Lehrern wie Jonathan. 🙂

      Auch halte ich die Gefahr, dass Kinder im Reliunterricht mit schädlichen religiösen Aussagen oder negativen Gottesbildern beeinflusst werden, für vergleichsweise gering (zumindest hatte ich noch niemanden in der Beratung, der seine traumatisierenden Erfahrungen mit dem Glauben auf den Reliunterricht zurückführte ;-). Eher könnte ein solcher Unterricht vielleicht solchen Kindern helfen, die im Elternhaus oder in manchen Gemeinden schwierige Inhalte vermittelt bekommen, eine gewisse Weite kennenzulernen.
      Allerdings weiß ich auch aus eigener Erfahrung, dass dann die Prägung meist schon gelaufen ist – was habe ich (später in der Oberstufe) dann auch mit meinem mir damals viel zu liberal erscheinenden Relilehrer diskutiert, von dem meine Eltern wahrscheinlich gesagt hätten, dass der gar nicht gläubig ist ….

      Ich denke, dass Jonathan die aktuelle Situation im Bildungssystem auf die bestmögliche Weise dazu benutzt, Kindern etwas ganz Wichtiges mitzugeben: die Freiheit, selber zu denken, zweifeln zu dürfen, differenziert zu beobachten, Fragen zu stellen und die Erfahrung, ernst genommen zu werden. Das ist doch das Wichtigste und eine gute Prävention gegen auch religiösen Missbrauch. Ich hoffe, es kommen hier wirklich einerseits die Bedenken am System an und andererseits das Kompliment an den, der es nach bestem Vermögen ausfüllt. 🙂

      Liebe Grüße,
      Claudia

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